Römische Notizen

Der junge Pater Burkhard Neunheuser aus Maria Laach über Pius XII. (1. Folge)

Der 1903 in Essen-Rüttenscheid geborene Pater Burhard Neunheuser, Benediktiner aus Maria Laach, der annähernd 100-jährig am 29. November 2003 verstarb, begann 1922 in Bonn sein Studium für die Erzdiözese Köln und war zutiefst von Romano Guardini geprägt. Noch im selben Jahr trat er in die Abtei Maria Laach ein und war, ausgestattet mit einem unverbesserlichen Optimismus, sein gesamtes Leben als akademischer Lehrer in seinem Kloster und in Rom tätig. Neunheuser war 1965 bis 1979 Professor für Liturgiegeschichte am Liturgischen Institut Sant'Anselmo zugleich an der Urbaniana (dort als Nachfolger von Annibale Bugnini), bevor er nach Laach zurückkehrte. Seine Spiritualität kreiste auf der Linie von Odo Casel um das Paschamysterium. 

Archivar Pater Sandner erlaubte mir im letzten Sommer, einen Brief zu kopieren, den Neunheuser am 12. März 1939 aus Rom an seine Mitbrüder geschrieben hatte. Damals, von 1937 bis 1939, war Neunheuser in Sant'Anselmo Professor für Theologie. Er schrieb den Brief noch am Tag der Krönung Pius' XII., der am 2. März zum Papst gewählt worden war. Das lange Typoskript zeugt nicht nur von der jugendlichen Begeisterung Neunheusers, sondern auch von seiner glänzenden Beobachtungsgabe und Erinnerungsfähigkeit. So manche seiner Beobachtungen könnten noch heute zutreffen ... Der Bericht passt jedenfalls zu unserer Veröffentlichung "Macht und Mobilisierung: Der politische Aufstieg des Papsttums seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts".

Wir geben Neunheusers Brief in mehreren Folgen wieder (stillschweigend orthographisch korrigiert):

"+PAX!                                                                                          ROMA, 12-III-1939

Hochwürdige, liebe Mitbrüder

Feierlich gross war der Morgen des heutigen Tages, in S. Pietro und auf dem Platze, bei der eigentlichen Krönung. Nun ist alles geschehen; und ich möchte ganz kurz Ihnen einiges von dem erzählen, was ich, in Ihrer aller Namen, dabei gesehen. Viel ist es eigentlich nicht; oft konnte ich nichts, wegen der Schularbeit; ein ander Mal hatte ich keine Billette; aber einiges sah ich doch. Ich will nicht erzählen, was Sie aus den Zeitungen schon wissen, sondern was persönlich erlebt ist. Also: --- :

In einigen Briefen berichtete ich schon vom Tode Pius' XI.; ich sah ihn in der Sixtina; feierlich ernst vor dem Gerichtsbilde Michelangelo's. Dann ging ich am Sonntagnachmittag nach S. Pietro; die Tram waren schon übervoll; Carabinieri und Militär genügten kaum, den Zustrom der Römer in Ordnung zu den Portalen hinzuführen; schliesslich durchbrachen die Menschenmassen die Militärkordons; die Soldaten gaben lachend nach, um dann erneut wieder Schranken für die Nächsten zu bilden. Aber es war zuviel; ich erbaute mich an der Menge und ging dann, ohne in die Basilika hineingekommen zu sein, wieder nach Hause. Auch am folgenden Alltag drängten sich die Menschen noch um den toten Pontifex zu sehen; ich hatte aber keine Zeit mehr dafür. Ich sah noch ein Requiem der Kanoniker von S. Peter; schrecklich, so dass ich meinte, das schlichteste Traueramt in L[aach] ist würdiger;

doch war mein Eindruck bei dem letzten der grossen Requiem in Gegenwart aller Kardinäle ein entschieden besserer. Kard. Schuster zelebrierte; ich hatte ein sehr gutes Billet, sah alles ganz genau und dachte, ob er wohl Papst wird? Ich sah den ganzen Senat der Kirche; den greisen Bertrams wehmütig daherhumpelnd, stolz und kühn Faulhaber (Schulte war noch nicht da), Innitzer vor sich schauend (beim Auszug sah ich ihn ganz aus der Nähe: er schaute fast verlegen und ängstlich in die Menge) und alle die anderen: Pacelli, fromm und Brevierbetend; man suchte den viel genannten dalla Costa; und die Kleriker vor mir hatten während der ganzen Funktion (Kanon eingeschlossen) nichts anderes zu tun als mit dem Fernglas die einzelnen Kardinäle zu studieren und zu verifizieren; es waren Franzosen!

Im übrigen war die Feier würdig; der polyphone Gesang als Kunstwerk schön; das Dies Irae von ganz grosser theatralischer Wirkung, dass es durch Mark & Bein ging wie Tubaton des Weltgerichts. Die Teilnahme gross; in stattlicher, stolzer, wohl von Hermann G[öring] entworfener Uniform kam auch der Botschafter des Deutschen Reiches. Es kam die Principessa, es kam, eskortiert von Schweizer Gardisten, in schlichtem Zivil, während sich alles von den Plätzen erhob, der König von Spanien, der seinerseits mit einem feierlichen Kopfneigen die Fürsten und Diplomaten grüsste usw."