Römische Notizen

Das Straßenbahnnetz Roms - Anton de Waals Romführer

Anton de Waal (1837-1917), Rektor des Campo Santo Teutonico, publizierte seit 1888 - dem Jahr der Gründung unseres Römischen Instituts der Görres-Gesellschaft - einen handlichen Romführer: "Der Rompilger - Wegweiser zu den wichtigsten Heiligthümern und Sehenswürdigkeiten der ewigen Stadt". Die erste Auflage erschien im Selbstverlag des Verfassers. Vorne stand der Hinweis aufgedruckt: "Der Reinertrag ist zum Besten des Priester-Collegiums von Campo santo bestimmt". Das Buch sollte also das Priesterkolleg mitfinanzieren. Tatsächlich verkaufte sich das Buch rasend. 1904 erschien bereits die achte, 1911 die neunte Auflage. und zum Heiligen Jahr 1925 veröffentlichte Johann Peter Kirsch die zwölfte Auflage.

Von Anfang an war dem Buch eine lose, gefaltete Stadtkarte beigegeben, die sich in den vielen Antiquariatsangeboten des Führers leider meist nicht erhalten hat. Anhand dieser Karten ist aber die Stadtentwicklung gut zu beobachten, da die Karten in den Auflagen mehrfach aktualisiert wurden.. Da das Buch einen praktischen Zweck für die Pilger erfüllen sollte, sind darauf zumindest seit 1904 die Straßenbahnlinien eingezeichnet. Die unten stehende Karte ist ein Detail des Faltplans der Auflage von 1904. Genau in diesem Jahr war das gesamte städtische Schienennetz Roms elektrifiziert.

Man sprach von "der Elektrischen" ("l'elettrico") - im Unterschied zu den bis dahin teilweise noch von Pferden gezogenen Wagen. Bis 1930 erreichte das Netz seine größte Ausdehnung. Es gab weite Strecken, die auch kirchliche Einrichtungen miteinander verbanden. So führte eine Linie von der Post (Piazza San Silvestro) über die Porta Pia die Via Nomentana hinaus und an der Agneskatakombe vorbei. Eine andere Strecke verband das Stadtzentrum mit St. Paul vor den Mauern. Wieder eine andere Linie verband sagenhafterweise den Lateran mit St. Peter, lief also quer durch ganz Rom. Über den Ponte Garibaldi wurde auch Trastevere erschlossen.

Die Hauptachse war natürlich der Corso Vittorio Emanuele. Auf dieser Straße fuhr die Tram ("il tram") bis zum Tiber, überquerte diesen auf einer eigenen Straßenbahnbrücke (zwischen Ponte Vittorio Emanuele und Engelsbrücke), die es heute nicht mehr gibt, und fuhr dann durch den Borgo Nuovo (die Via della Conciliazione wurde erst 1936 geschaffen) bis zum Petersplatz und von dort in den Stadtteil Prati. Damit war erstmals der Vatikan leicht erreichbar, was sich auch für den Campo Santo Teutonico bemerkbar machte. Auch die Görres-Gesellschaft profitierte davon. Der damalige Direktor Stephan Ehses wohnte bei der Piazza Barberini und konnte nun über die Piazza di Spagna und Piazza del Popolo entlang der Via Cola di Rienzo bis zur Porta Angelica fahren. Von dort war er in wenigen Minuten zu Fuß in seinem geliebten Vatikanarchiv.  

Sieht man alte Fotos der Bahn, so kann einem allerdings Angst und Bange werden. Die Sache muss in den engen Straßen - zum Beipiel führte eine Tram auch zum Pantheon - sehr gefährlich gewesen sein, da die Straßenbahnen überall abbogen, Linien sich überkreuzten usw. 1930 wurde das Netz drastisch reduziert, um dem wachsenden Autoverkehr Platz zu machen.

Der Blog Romaierioggi bietet neben historischen Karten Roms auch viele historische Fotos. 

Die Karte des "Rompilger" 1904 (Detail)