Römische Notizen

Keine Gunst dem „blauen Dunst“: Zur „damnatio“ der Zigarette im Vatikan

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Von Hartmut Benz

Erzbischof Angelo Roncalli (1958-1963: Papst Johannes XXIII.) als Nuntius in Frankreich Erzbischof Angelo Roncalli (1958-1963: Papst Johannes XXIII.) als Nuntius in Frankreich Die von Papst Franziskus am 9. November publizierte Entscheidung, im Vatikanstaat ab 2018 keine Zigaretten mehr verkaufen zu lassen, führte auf beiden Seiten der vatikanischen Mauern zu höchst kontroversen Diskussionen. Der Tabak hat im Kirchenstaat nämlich eine lange Tradition: Ende des 16. Jahrhunderts soll es Kardinal Prospero Santacroce (1514–1589) gewesen sein, der das Kraut in seiner Zeit als Nuntius in Portugal kennen- und schätzenlernte und am päpstlichen Hof einführte. Der Tabak wurde dort rasch populär – und schon bald zu einem Wirtschaftsfaktor. In einer seiner ersten Entscheidungen führte Papst Alexander VII. (1655–1667) am 21. August 1655 im Kirchenstaat das Tabakmonopol ein.

Papst Benedikt XIV. (1740–1758) ließ 1744 in Trastevere eine erste Tabakfabrik bauen und vereinte am 20. Juli 1744 das Tabak- mit dem Branntweinmonopol. Nachdem das Monopol am 1. April 1758 zunächst aufgehoben worden war, führten es die Franzosen 1809 in Rom wieder ein und wurde es nach Restaurierung des Kirchenstaates 1820 in der „Amministrazione Centrale dei Sali e Tabacchi“ neu reglementiert. Seit 1831 lag das Monopol wieder in privaten Händen – erste Pächter waren die Brüder Alessandro und Marino dei Duchi Torlonia (Rom) sowie Marchese Camillo Pizzardi (Bologna). Damals verfügte der Kirchenstaat über fünf Tabakmanufakturen. Papst Pius IX. (1846–1878), selbst ein erklärter Freund der Tabakpflanze, ließ 1863 in Trastevere eine neue, mit modernen Produktionsmitteln ausgestattete Fabrik errichten, deren Motiv auch die Pontifikatsmedaille des Jahres 1863 zierte. Der Papst stattete der Fabrik 1869 sogar einen Besuch ab.

Erzbischof Paul Marcinkus, ein Pfeifenraucher im Vatikan Erzbischof Paul Marcinkus, ein Pfeifenraucher im Vatikan In den Jahren des Vatikanstaates (seit 1929) zählte der steuerfreie Verkauf der in der „Annona“ zu erwerbenden Tabakwaren, zusammen mit den Verkaufserlösen von Alkohol, Benzin, Briefmarken und Münzen, bisher zu den wichtigsten Einnahmen der Staatsverwaltung. Dieser Proporz wird im Budget künftig fehlen. Es ist allgemein bekannt, daß es bis in die jüngste Vergangenheit in vatikanischen Höfen, Fluren und Büros nicht nur nach Weihrauch roch. Das „Laster des Rauchens“ machte dabei auch nicht vor der „terza loggia“ Halt: die Päpste Johannes XXIII. (1958–1963) und Paul VI. (1963–1978) waren eifrige Raucher – wobei Paul VI. von seinem Staatssekretär, Kardinal Jean Villot (1905–1979), in den Schatten gestellt wurde. Der Franzose, der bevorzugt „Gauloises“ konsumierte, tauchte sein Büro im Apostolischen Palast in undurchdringlichen Nebel. Als Kettenraucher gleich kam Villot der langjährige Regens bzw. Präfekt des Päpstlichen Hauses, Dino Monduzzi (1922–2006), der während seiner Dienste an der Seite des Papstes jede freie Minute nutzte, die das Protokoll ihm ließ, um für ein paar Züge einen toten Winkel aufzusuchen. Nach Kardinal Monduzzis Tod benötigte seine Wohnung am Cortile di Papagallo eine gründliche Auffrischung. In der engsten Entourage des Papstes war auch der Dekan des päpstlichen Vorzimmers (1999-2010), Adalberto Leschiutta (1939–2010), Kettenraucher. Selbst das generelle Rauchverbot, das Papst Johannes Paul II. (1978–2005) am 1. Juli 2002 auf Initiative des damaligen Gouverneurs des Vatikanstaates, Edmund Kardinal Szoka (1927–2014), für den Vatikan erlassen konnte, konnte Leschiutta nicht davon abhalten, seiner Sucht zu frönen. Schließlich ist auch Erzbischof Paul Marcinkus (1922–2006), langjähriger Präsident des IOR (der „Vatikanbank“), zu nennen, der mit seiner Pfeife eine markante Figur im Zwergstaat Vatikan war.

Der einzige Rauch, der künftig „legal“ den Vatikan durchwehen darf, bleibt wohl die „fumata“, die aus der Sixtinischen Kapelle von der Wahl eines neuen Papstes Kunde gibt – noch ...