Römische Notizen

Päpste, Pilger und Fußwaschung

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In früheren Zeiten wurde die päpstliche Fußwaschung des Gründonnerstags nicht im Rahmen der Abendmahlsmesse, die in der Sixtinischen Kapelle stattfand, begangen, sondern anschließend für ein größeres Publikum im rechten Seitenschiff des Petersdoms. Sie war also ein öffentlicher Akt, aber keine streng liturgische Handlung. Die inszenierte Demut vor der Öffentlichkeit gehörte schon immer zum Arsenal päpstlicher und fürstlicher Selbstdarstellung. Dazu konnte die Fußwaschung durchaus auch außerhalb der Liturgie bei verschiedenen Gelegenheiten vorgenommen werden. Die Fußwaschung des Gründonnerstags wurde jedoch biblisch als Nachahmung Jesu aufgefasst, der seinen 12 Aposteln vor dem Letzten Abendmahl die Füße gewaschen hatte. Pius IX. lud dazu im Jahr 1869 arme Priester aus verschiedenen Ländern nach Rom ein.

Die Fußwaschung ist seit Menschengedenken ein Willkommensgestus gegenüber Fremden. Daher wurde sie in Rom über Jahrhunderte hinweg an den Pilgern praktiziert, in besonders feierlicher Form einmal jährlich in der Pilgerkirche S. Trinità dei Pellegrini, nicht weit vom Ponte Sisto. Darüber schreibt 1869 Rektor Anton de Waal, der damals selber noch ein Pilgerhospiz am Campo Santo Teutonico hatte (in Gedenkblätter an die Jubelfeier des heiligen Vaters und die vorhergehenden Ostern in Rom [Münster 1869] 16-17):

"[...], so erwartete uns dagegen am Abend ein neues Schauspiel bei der Bewirthung der Pilger im Hospize Trinità dei pellegrini. Vom heil. Philipp Neri um die Mitte des 16. Jahrhunderts gegründet [...], umschließt dieses Pilgerhaus eine solche Fülle ausgedehnter Räumlichkeiten, daß über tausend Personen dort zusammen ein Unterkommen finden können. [...] Heute Abend nun eröffnet, geht die Einführung der Fremden und die Spiesung derselben, den bestehenden Vorschriften gemäß, unter besonderer Feierlichkeit vor sich. Durch einen langen Saal [...] gelangen wir in einen zweiten Saal. Dort ist eine Anzahl von Personen versammelt, die alle in lange rothe Mäntel gekleidet sind, vor welche sie eine weiße Schürze gebunden haben. Der Anzug ist fast ärmlich zu nennen, aber dennoch erkennen wir aus den Zügen, daß wir nicht gewöhnliche Leute vor uns haben. Und in der That besteht diese Gesellschaft aus Personen des höchsten römischen Adels und selbst Cardinäle finden wir unter ihnen, kenntlich an dem rothen Käppchen, das sie auf dem Haupte tragen.

Zu unserer nicht geringen Überraschung glauben wir in der Verkleidung auch solche Männer wiederzuerkennen, die wir früher schon einmal an ganz andern Orten, fern in der Heimath bei den dortigen Katholikenversammlungen als Präsidenten oder hervorragende Redner gesehen haben. Doch gebieten wir unserem forschenden Vorwitz Halt und wenden wir lieber unser Auge der Thüre zu, durch welche eben die Pilger hereingeführt werden.

Nachdem sie, mehrere Hundert an der Zahl, sich auf den bereit stehenden Sitzen niedergelassen hatten, knieen jene Herren vor ihnen nieder, und nun beginnt das ergreifende Schauspiel, daß Personen vom höchsten kirchlichen und weltlichen Range armen, schmutzigen Fremden den niedrigsten Dienst erweisen, ihnen die Füße waschen. Man denke aber nicht, das sei eine bloße Ceremonie, nein, das Geschäft wird recht gründlich vorgenommen, weil es eben so noth thut. Ist die Arbeit beendigt, so küßt der Knieende die Füße des Pilgers und wendet sich dann zu dessen Nachfolger, bis man Allen diesen Liebesdienst erwiesen hat, der auf den Zuschauer, noch mehr aber auf den Pilger und seinen edeln Diener einen unvergeßlichen Eindruck macht.

Nach der Fußwaschung werden die Gäste in den Speisesaal geführt, wo ein reichliches Mahl aus Suppe, Gemüse, Fischspeisen und Wein sie erwartet. Ein Cardinal spricht das Tischgebet, dann beginnt die Tafel, wobei die Pilger abermals von jenen Herren bedient werden, die durch freundliche Unterhaltung den müden Fremdlingen das köstlich mundende Mahl würzen".