Ingo Schaaf: Meine Reise nach Nordafrika

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„Der Gerechte blüht wie die Palme...“ Auf christlicher Spurensuche im heutigen Tunesien

Vom 21. bis 29. August begab sich eine international gemischte Pilgergruppe von Rom aus auf Spurensuche ins heutige Tunesien – ein Rückblick.

Unter der Ägide von P. Vittorino Grossi OSA, seines Zeichens langjähriger Direktor des Institutum Patristicum Augustinianum, brachen elf geschichts- und kulturinteressierte Freunde augustinischer Spiritualität am 21. August nach Tunis auf, die Hauptstadt der von vielen Kommentatoren als nordafrikanischer Stabilitätsanker angesehenen Republik Tunesien. Ein ursprünglich vorgesehener Einbezug Algeriens wurde demgegenüber noch kurz vor Reisebeginn von den Visa vergebenden Stellen (bis auf Ausnahme eines Teilnehmers) verwehrt – ein sprechender Hinweis auf die anhaltenden Spannungen im heutigen Maghreb.

Dass dagegen in der einstigen Kornkammer des Imperiums die Wiege des lateinischen Christentums stand, bekamen die Teilnehmer gleich am ersten Tag vor Ort durch den Einführungsvortrag von P. Sergio Perez IVE, Alumnus des Augustinianum, faktenreich vor Augen geführt. Indes gingen nicht nur ein Tertullian, ein Cyprian oder Augustinus aus diesem einstmals reichen Landstrich hervor, wovon sich beim Besuch der punisch-römischen Akropolis von Karthago auf dem Byrsa-Hügel (mit der profanierten Kathedrale Saint-Louis de Carthage), sowie im unweit hiervon gelegenen Amphitheater ein Bild machen ließ; insbesondere letzteres vermochte als Stätte, an der Felicitas und Perpetua im Jahr 203 ihr Martyrium erlitten, einen bleibenden Eindruck auf die Pilger zu hinterlassen. Gleiches lässt sich auch vom Besuch der Ausgrabungen von Damous el Karita (Domus Caritatis) mit ihrer Basilika aus dem vierten Jahrhundert sagen, die sich neunschiffig über einer ehemaligen römischen Villa extra muros erhob.

Vom Primatssitz des frühchristlichen Nordafrika ging es im Anschluss zur sogenannten Basilika der heiligen Monnica. Dieser ebenfalls von Père Alfred Louis Delattre (1850-1932) ausgegrabene und mit der Memoria des Cyprian von Karthago verbundene siebenschiffige Kirchenbau ließ nicht nur den (von Beton bedrohten) Blick auf türkisblaues Meerwasser schweifen; Confessiones-Leser wurden vielmehr auch an jene berühmte Episode erinnert, in der sich Augustinus heimlich zu Schiff nach Rom aufmachte und seine Mutter tränenüberströmt an der Küste zurückließ... (vgl. Aug., conf. V 8). Freudenreicher beschloss der Nachmittag das Fest Maria Königin: Nach der Vorbeifahrt an den Thermen des Gargilius und einem landestypischen Minztee mit Pinienkernen im pittoresken Sidi Bou Said wurde in La Goulette Messe gefeiert und zwar in der Kirche der Madonna von Trapani. Erst wenige Tage zuvor hatte deren Bildnis wieder (nach über 50jähriger Unterbrechung!) in einer Prozession den offenen Himmel erblicken können – eine kleine Sensation weit über die einstmals sizilianisch geprägte Gemeinde hinaus.

Am dritten Reisetag konnten sich die Teilnehmer bei einem Besuch des einzigartigen Bardo-Museums, das 2015 Schauplatz eines schweren Attentats gewesen war, von der Schönheit und dem Reichtum frühchristlicher Kunst überzeugen, wobei die Schätze übriger Epochen keineswegs vernachlässigt wurden. Gleich darauf schloss sich eine Besichtigung des antiken Bulla Regia an. Machten sich hier bereits Instandhaltungsmängel des lohnenden archäologischen Parks bemerkbar, so blieb das für seine Marmorsteinbrüche berühmte Simitthus (heute Chemtou) gänzlich unzugänglich. Nicht ganz unterdrücken ließ sich daher die Frage, welchen Wert eine unverkürzte Geschichte des Landes und seine Monumente in Zeiten nach dem sogenannten arabischen Frühling weiter haben dürfen und können.

Entschädigung bot hingegen am nächsten Tag das bekanntlich als Todesort Catos des Jüngeren in die Geschichtsbücher eingegangene Utica. Von den dortigen sehenswerten Ausgrabungen nebst Museum ging es im Anschluss über staubige Pisten gen Südwesten nach Tozeur. Wie stets begleitet von geistlichen Impulsen des Bischofs von Hippo setzte sich die Gruppe hier der kontrastreichen Landschaft der alten Africa Proconsularis mit ihren Wadis und Palmenhainen aus, wo sich die epochenübergreifende Bedeutung dieser orientalischen Kulturpflanze den zuvor sanddurchwehten Europäern sinnfällig zu erschließen vermochte.

Am darauffolgenden Tag stand das antike Sufetula (heute Sbeitla) mit seinen römisch-byzantinischen Bauten und Kirchen der ersten Jahrhunderte auf dem Programm. Zerrissenheit und Spaltung des nordafrikanischen Christentums zwischen Katholiken und Donatisten ließen sich anhand der auf engstem Raum erhaltenen Reste ebenso ermessen wie die einstige wirtschaftliche Bedeutung dieser Region, deren Reichtum im Imperium sprichwörtlich war.

Kronzeugin einstiger Prosperität ist in Nordafrika allenthalben die Mosaikkunst, so auch im Gebiet des antiken Thysdrus (heute El Djem). Nach der unter spürbaren Sicherheitsmaßnahmen gefeierten Eucharistie am Fest der Heiligen Monnica sowie dem Besuch des örtlichen Museums ließ sich mit dem imposanten Amphitheater der Stadt ein Monument in Augenschein nehmen, das seinem flavischen Vorbild in Rom nur wenig nachsteht. Von der Blüte jener Jahrhunderte, in denen das Mittelmeer noch verbindend wirkte, legten daraufhin die heute in Sousse sichtbaren Fundstücke des antiken Hadrumentum beredtes Zeugnis ab.

Der Tag vor der Abreise, das Fest des heiligen Augustinus, stand dagegen nochmals ganz im Zeichen der gemeinsamen Pilgerschaft auf nordafrikanischem Boden. Zugleich bestand Gelegenheit, Menschen, Farben und Eindrücke dieser alten Kulturlandschaft beim Besuch der mittelalterlichen Medina von Tunis auf sich wirken zu lassen. Seinen Höhepunkt fand dieses Erlebnis jedoch zweifelsohne mit der feierlichen Messe in der Kathedrale Saint-Vincent-de-Paul. Dieser stand S.Em. Erzbischof Ilario Antoniazzi vor, der die Pilger zu diesem Zeitpunkt bereits an zahlreiche Stationen der Reise begleitet und auf zuvorkommendste Weise mit dem für die Christen vor Ort nicht immer konfliktfreien modus vivendi vertraut gemacht hatte.

Eine versöhnliche, von Dialog und Herzlichkeit geprägte Begegnung verdankte sich ebenfalls diesem erzbischöflichen Wirken: Im direkten Gespräch mit Mufti Othman Batikh, dem vormaligen Minister für die religiösen Angelegenheiten Tunesiens, bot sich der Gruppe die seltene Gelegenheit zum offenen Austausch mit dem obersten islamischen Rechtsgelehrten der Republik. Beeindruckt und gestärkt zugleich traten die Pilger im Anschluss an neun horizonterweiternde Tage die Heimreise an.

Quid novi ex Africa? Wollte man eine kurze Antwort auf diese alte Frage nach Rom tragen, so müßte sie etwa so ausfallen: Unmittelbares Erleben eines reichen, für die Zukunft zu bewahrenden Erbes, vor allem aber viel Dankbarkeit gegenüber allen Erwähnten für ihren Dienst und ihr Zeugnis in einer europäischen Christen oft kaum bewussten Wirklichkeit unserer Gegenwart.