Deutscher Dünkel in der Theologie

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Das sehr empfehlenswerte Büchlein von Christian Schaller über Pius IX. (Papst Pius IX. begegnen, 2003) enthält bemerkenswerte Aussagen über Ignaz Döllingers Versuch zur Schaffung einer deutschen Nationalkirche. Es war ein Versuch, der im Altkatholizismus kläglich scheiterte und der dann in nationalsozialistischer Zeit auf evangelischer Seite von den "Deutschen Christen" nochmals aufgegriffen wurde. Der in München tätige Professor Döllinger (+ 1890) war gefeierter Exponent der liberalkatholischen Intelligenz in Deutschland und erbitterter Gegner Pius' IX. Während Pius jeden Nationalismus ablehnte, zeigt eine Rede Döllingers aus dieser Zeit, welche Verklärung und theologische Überhöhung dieser der deutschen Nation zukommen ließ:

"Die deutsche Nation gehört unstreitig zu jenen welthistorischen [Nationen], die ganz besondere Werkzeuge in den Händen der göttlichen Vorsehung sind". "So ist denn in unseren Tagen der Leuchter der theologischen Wissenschaft von seinen früheren Stellen weggerückt, und die Reihe, die vornehmste Trägerin und Pflegerin der theologischen Disziplinen zu werden, ist endlich an die deutsche Nation gekommen ... Das Charisma der wissenschaftlichen Schärfe und Gründlichkeit, der rastlosen, in die Tiefe dringenden Forschung und der beharrlichen Geistesarbeit ist uns Deutschen einmal gegeben ... In Deutschland also haben wir künftighin das Heimatland der katholischen Theologie zu suchen. Hat doch auch kein anderes Volk, als das deutsche, die besten Augen der Theologie, Geschichte und Philosophie, mit solcher Sorgfalt, Liebe und Gründlichkeit gepflegt; sind doch in beiden Gebieten die Deutschen die Lehrer aller Nationen geworden" (Döllinger).

Angesichts solcher Deutschtümelei im Sinne der gerade auch Italienern sattsam bekannten Mentalität "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen", fährt Christian Schaller zurecht fort: "Die deutsch-nationale Arroganz hielt es nicht für nötig, auf die Theologie der Römischen Schule einzugehen, die Dölliger nur als Relikt einer dunklen Vergangenheit belächelte. Selbst herausragende Gestalten anderer Länder wie etwa der große Kardinal John Henry Newman fanden keine Erwähnung ... Aber für die Gegenwart trug der deutsche Historiker (Döllinger) eine so national getönte Brille, daß er konkurrierende theologische Ansätze, zumal solche, die in Rom und ultramontanen Kreisen erfolgreich waren, geflissentlich ignorierte" (Schaller, S. 106).