Leseempfehlung: Muße und Verschwendung

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Peter Hersche:

Muße und Verschwendung. Europäische Gesellschaft und Kultur im Barockzeitalter 1-2, Freiburg 2006 (1206 Seiten).

Buchumschlag Buchumschlag Diesem Buch in zwei Bänden begegnete ich erstmals in der Abtei Maria Laach, wo ich mich zu Archivstudien aufhielt und bei den Mittagsmahlzeiten daraus vorgelesen wurde. Ein Rheinländer mit herrlichem Tonfall las vor. Die Mönche aßen mir entschieden zu schnell, jedenfalls hätte ich gern mehr gehört. Das Buch ist eine Offenbarung historischer Art. Ich wage anmaßend zu behaupten, dass man nichts von der Neuzeit verstanden hat, wenn man es nicht gelesen hat. Es ist Pflichtlektüre: die absolut souveräne Abhandlung einer Materie, für die man sonst Bibliotheken lesen müßte, oder besser gesagt: In ganzen Bibliotheken würde man so viele neue Einsichten nicht finden können, wie sie hier zwischen vier Buchdeckeln liegen. Da kann man schon einmal über den stolzen Seitenumfang hinwegsehen. Der Autor, ehemals Professor in Bern und aufgewachsen in Appenzell-Innerrhoden, einem der sog. katholischen Stammlande der Schweiz, hat sein Meisterwerk geschrieben.

Faszinierend für einen Kirchenhistoriker ist, dass er hier eine Kirchengeschichte als Kulturgeschichte serviert bekommt ohne irgendwelche Bezüge auf theologische, theologiegeschichtliche oder kirchenbürokratische Quellen. Der Autor schöpft allein aus jenen Quellen, die Kirchenhistoriker bislang praktisch gar nicht kannten: Wirtschaftsunterlagen, Register, Verwaltungstexte u.a., also Quellen der Wirtschafts- und Sozialforschung. Daraus wird ein Kulturgemälde gezeichnet, wie es lebendiger und authentischer nicht sein könnte. Vor allem geht es darum, rein katholische Landesteile des Reichs und der Schweiz mit rein protestantischen (lutherischen und reformierten) zu vergleichen. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Es gab eine spezifische katholische Kultur des Barock, die grundverschieden war von der Kultur nicht-katholischer Länder. Hier gilt wirklich der Satz: Kultur erwächst dem Kult. Die Unterschiede der Konfessionen, die über Jahrhunderte hinweg gerade auch wegen der gegenseitigen Abkapselung in 100%iger Reinheit wirken konnten, haben je zu radikal unterschiedlichen Kulturen geführt, was das Wirtschaften und Zusammenleben betrifft. Die katholische Kultur war sozusagen der klassische Barock, der ganz in „Muße und Verschwendung“ aufging: das Leben in Fülle schon hier und jetzt, mit allen Festen und Heiligen, mit Genuss für Augen, Ohren und Nasen. Investiert wurde von den Bischöfen und katholischen Fürsten in Fassaden, Bibliotheken, Kirchen, Klöster, Feiern und Feuerwerke. Das war aber keine Elitesache, sondern stand für eine die sozialen Schichten durchprägende Haltung. Für das Jenseits machte man sich keine Sorgen, es gab ja die Gnadenmittel der Kirche und die Fürsprecher im Himmel. Ganz anders die protestantischen, schon gar die reformierten Regionen: angesagt waren hier Arbeit, Sparen, Kriege. Das Leben war geprägt von Disziplinierung und Erfolgsstreben. Die Analysen Hersches setzen sich dabei kritisch mit der These Wolfgang Reinhards von der Konfessionalisierung als Modernisierung auseinander.

Die beiden Bände sind wahrlich ein dicker Brocken, aber da ergänzende Ausführungen, die man überspringen kann, in Kleindruck in den Lesetext eingefügt sind, kommt man doch zügig voran. Ich habe das Buch jedenfalls in wenigen Monaten bei meinen viertelstündigen Metro-Fahrten durchbekommen. Es liest sich phantastisch, packend, dicht, prallvoll mit Informationen. Für mich persönlich ebenso überraschend wie überzeugend war die Analyse des Trienter Konzils: Dieses katholische Reformkonzil war demnach mit seinen von oben verordneten Reformen schlichtweg gescheitert, und zwar aus ökonomischen Gründen: Seine Radikalforderungen (z.B. Verzicht auf Ämterhäufung, Errichtung von Priesterseminaren) ließen sich nicht finanzieren. Die Trienter Beschlüsse konnten daher – seltsame Ironie der Geschichte – erst nach der Säkularisierung umgesetzt werden, also mit 250-jähriger Verspätung, als die Kirche ihrer weltlichen Herrlichkeit beraubt war. Erst im 19. Jahrhundert wurde dann die Agenda des Konzils flächendeckend und nachhaltig umgesetzt. Damit wurde aber zugleich jene Entwicklung eingeleitet, die, wenn auch mit 150-jähriger Verzögerung, zur schleichenden Protestantisierung der katholischen Kultur führte. Das moderne bürgerliche Paradigma von Fortschritt und Wohlstand, das heute die einhellige Lebensmaxime der westlichen Welt ist, ist jedenfalls nicht katholisch, wohl aber auf der Linie protestantisch-reformierter Arbeitsethik zu erklären.

S.Heid

Inhalt (verkürzt)

1. Grundlagen

1.1. Holz- und Königswege zu einer Sozial- und Kulturgeschichte der Religion
1.2. Konfessionelle Kulturen bei Max Weber
1.3 Verschiedene Katholizismen
1.4. Das Konzil von Trient: Anspruch und Wirklichkeit
1.41 Katholische Reform als Erfolgsgeschichte
1.42 Hektik und Ermattung: Der zeitliche Ablauf der Reform
1.43 Die katholische Reform und die europäischen Staaten
1.44 Widerstand gegen die Durchführung der Konzilsbeschlüsse
1.45 Das Scheitern der Priesterseminare
1.46 Das Versagen der Kontrollinstanzen
1.47 Die Mängel in der Pfarreiorganisation
1.48. Die ambivalente Rolle der Jesuiten

2. Sozialgeschichte

2.1. Eigenheiten der katholischen Gesellschaft
2.11 Der demographische Befund
2.12 Der Dritte Stand und die Religion
2.13 Der Adel im katholischen Deutschland
2.14 Fürsten, Höfe, Absolutismus
2.15 Der geistliche Staat in Deutschland
2.2. Der geistliche Stand
2.21 Die zahlenmäßige Entwicklung der Geistlichkeit
2.22 Die hierarchische Schichtung des Klerus
2.23 Die soziale Rekrutierung
2.24 Eintritt in den geistlichen Stand, Ausbildung und Karriere
2.25 Die Stellung des Geistlichen in der Gesellschaft
2.26 Der Alltag des Geistlichen
2.27 Ungeistliche Lebensführung und Delikte
2.28 Einkommensverhältnisse und kirchlicher Besitz
2.3. Das Kloster als spezifisch katholische Lebensform
2.31 Umfang, zeitliche Entwicklung und strukturelle Probleme
2.32 Die Klöster als Versorgungsinstitute
2.33 Die geistlichen und materiellen Leistungen der Orden
2.34 Der Alltag im Kloster
2.35 Ökonomie und Besitzverwaltung
2.36 Die baulichen Unternehmungen der Klöster
2.37 Damenstifte, Frauenhäuser, Konservatorien
2.38 Eremiten und „bizzoche“
2.4 Die Rolle der Laien in der Kirche
2.41 Das Patronatsrecht als Machtfaktor
2.42 Laien und Klerus in der Pfarrei
2.43 Die Bruderschaften I: Entwicklung, Typen und Verbreitung
2.44 Die Bruderschaften II: Zusammensetzung und Organisation
2.45 Die Bruderschaften III: Geistliche und soziale Funktionen
2.46 Prozessionen und Andachten als Manifestationen der Laien
2.47 Formen der katholischen Alltagsreligiosität

3. Wirtschaftsgeschichte

3.1 Katholischer Wirtschaftsstil
3.2 Kreditwesen und Investitionsverhalten
3.3 Ostentative Verschwendung
3.4 Mußepräferenz

4. Kultur- und Mentalitätsgeschichte

4.1 Erfolglose Disziplinierung
4.2 Leben ohne Plan
4.3 Religiöses Freizeitsvergnügen: Die Wallfahrt
4.4 Verzauberte Welt? – Bildung, Wissenschaft, Magie

5. Schlussfolgerungen, Übergang und Ausbild

5.1 Konfessionell verschieden geprägte Kulturen
5.2 Barock als Epoche
5.3 Die religiösen Reformen der Aufklärung als Antibarock
5.3 Neubarock? Das 19. und 20. Jahrhundert