Monumentale Geschichte der deutschen Jesuiten von Klaus Schatz

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Eine Rezension von Clemens Brodkorb

Pater Klaus Schatz Pater Klaus Schatz 200 Jahre Jesuitengeschichte

2014 begeht die Gesellschaft Jesu den 200. Jahrestag ihrer weltweiten Wie­derherstellung durch die Bulle „Sollicitudo omnium Ecclesiarum“ Papst Pius VII. am 7. August 1814. Rechtzeitig zu diesem Jubiläum legte der Frank­furter Jesuit und emeritierte Kirchenhistoriker Pater Klaus Schatz im Spätsommer 2013 im Aschendorff-Verlag Münster eine fünfbändige „Ge­schich­­te der deut­schen Jesuiten (1814–1983)“ vor (Münster 2013). Damit reih­te er sich ein in eine lange Reihe von Ordenshisto­rikern, die seit einer ent­sprechenden Anordnung des spanischen Ordensge­nerals Luis Mar­tin (1892–1906) die Geschichte der einzelnen Regionen der Gesellschaft Jesu systematisch erforscht haben. Für die Zeit der so genannten alten Gesellschaft Jesu, also die Zeit von den Anfängen im 16. Jahrhundert bis zur Aufhebung des Ordens 1773, war diese Aufgabe in der deutschen Assistenz 1895 Pater Bernhard Duhr übertragen worden. Mit seiner „Ge­schichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge“ (4 Bde. in 6 Tle. [Freiburg/Br. – München – Regensburg 1907–1928]) schuf er in nahezu lebenslan­ger Arbeit ein bis heute nicht übertroffenes Standardwerk.

Zur Bear­beitung der Geschichte der neuen Gesellschaft seit 1814 war es in der deutschen Assis­tenz damals aber nicht gekommen. Erst Klaus Schatz ergriff mehr als 100 Jahre später die Initiative und begann 1998 im Auftrag der damals noch zwei deutschen Provinziäle mit der Bearbeitung des Stof­fes. Dabei hatte er sich im Unterschied zu Duhr für eine „kleindeutsche Lösung“ entschieden, behandelte also „nur“ die Geschichte der deutschen Pro­vinz(en) einschließlich der zugehörigen Mis­sio­nen, nicht jedoch die der österreichischen Provinz. Den Zeitrahmen des Werkes spannte er von den Anfängen 1814 bis ins Jahr 1983, in dem mit dem Amtsantritt des Niederländers Hans-Peter Kolvenbach als Ordensgeneral die nach­konziliaren Um-, Ab- und Aufbrüche durch eine Phase der Konsolidierung abgelöst wurden.

Das Werk ist chronologisch in vier Bände ge­glie­­dert. Der erste Band be­handelt zunächst in einem Rückblick die Zeit der Aufhe­bung des Ordens 1773 und deren Durchführung in den deutschen Ter­ritorien sowie die Interimszeit bis 1814. Dann schließt sich die erste Phase der neuen deutschen Ordensprovinz in der Schweiz an (1814–1847), eine Zeit, die in den Strukturen und Gewohnheiten noch stärker der Zeit vor 1773 verbunden war. Sie endete mit dem Sonder­bundskrieg (1847) und der Vertreibung der Jesuiten aus der Schweiz. Die sich anschließende erste deutsche Periode (1849–1872) mit einer starken Prä­senz des Ordens vor allem in den katholischen Gegenden Preußens schloss mit der Vertreibung des Ordens aus dem Deutschen Reich durch die Kulturkampfgesetze. Neuscholastische Phi­lo­so­phie und Theologie, die Vertei­digung des Syllabus Papst Pius‘ IX. und des Ersten Vatikanischen Konzils so­wie insgesamt eine utramontane Ausrichtung des Ordens prägten diese Zeit.

Der zweite Band widmet sich der Zeit der Verbannung des Ordens aus dem Deut­schen Reich im Kulturkampf (1872–1917), als die Aktivitäten der Or­dens­­provinz in die „auswärtigen Missionen“, aber auch in besonderer Weise in Wis­sen­schaft und schriftstellerisches Arbeiten verlagert wurden. Von den Behörden mehr oder weniger geduldet, wurden die Aktivitäten aber auch bald wieder auf Deutschland selbst ausgeweitet, bis das Jesuitengesetz 1917 voll­ständig zurück­genommen wurde.

Nun folgte eine Periode der weitgehend ungehinderten Entfaltung, eine Zeit des raschen Wachstums mit der Gründung neuer Niederlassungen, der Neu­gründung oder Verlegung von Institutionen (Schulen, Hochschulen) und viel­fältiger seel­sorg­licher Innovationen. Das enorme Wachstum hatte 1921 und 1931 zwei Provinzteilungen zur Folge. Diese kommen im dritten Band (1917–1945) ebenso zur Sprache wie die Zeit des „Dritten Reiches“.

Im vierten Band schließlich geht es zunächst um den Wiederaufbau nach der NS-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg, aber auch schon um die ersten Anzei­chen der späteren Krise (1945–1965), als sich noch vor dem II. Vatikani­schen Konzil schon jene „Bruchstellen“ abzeichneten, die in der Zeit des Um­bruchs nach dem Konzil (1965–1983) dann offen­kundig wurden. In einem Ausblick auf die Jahre 1983 bis 2010 unter dem Titel „Reduktion und Konzen­tration“ schildert Schatz schließlich die Situation der deutschen Jesuiten in der Gegenwart und unterzieht diese mit dem geübten Blick des Historikers einer klaren Analyse. Mit „zwei heik­len Exkursen“ am Schluss des Bandes zu den Themen „Entlassungen aus dem Orden“ und „Missbrauchsfälle“ bestätigt Schatz, dass er selbstverständlich auch den dunklen Punkten der 200-jähri­gen Ordensgeschichte nicht ausweicht.

Die enorme Materialfülle der vier Bände wird in einem fünftem Band, der auch das Abkürzungs-, Quellen- und Literaturverzeichnis enthält, durch aus­führ­liche Re­gister (Personen-, Länder- und Orts- sowie Sachregister) er­schlos­sen. Von diesen abgesehen bildet dieser fünfte Band aber auch für sich genommen ein kaum zu überschätzendes Hilfsmittel für die Beschäftigung mit der Geschichte der deutschen Jesuiten im 19. und 20. Jahrhundert. In einem ausführlichen „Je­sui­tischen Glossar“ wird die oft keineswegs geläufige jesuitische Begrifflichkeit erschlossen bzw. mit Inhalt gefüllt. Einige grafische Darstellungen veran­schaulichen die Eintritts- und die Mitgliedszahlen der deutschen Pro­vinz(en) zwischen 1820 und 2010. Von besonderem Wert aber sind die vollständigen Übersichten aller Zentral- und Ausbildungshäuser und aller sonstigen Niederlassungen der deutschen Jesuiten zwischen 1810 und 2010 mit den Jahren der Gründung, ggf. Ver­le­gung und/oder Aufhebung, ein Verzeichnis der wichtigsten Amtsträger und nicht zuletzt ein an die 1500 Biogramme umfassender biografischer Teil, der alle in den Bänden (einschließlich der Listen) genannten deutschen oder in Deutsch­land wirkenden Jesuiten mit ihren wichtigsten Lebensdaten und Tätigkeiten vorstellt und somit eine gewaltige Fundgrube für prosopografische Untersuchungen jeder Art bietet.

Dass der „Schatz“, von dem man wohl schon bald in Analogie zu dem „Duhr“ sprechen wird, trotz der enormen Datenfülle, die Sachverhalte nicht nur klar und über­zeugend, sondern auch sprachlich in einer außeror­dentlich gut les­ba­ren Quali­­tät präsentiert, macht die fünf Bände nicht nur zu einem un­ver­zichtbaren Kompendium, sondern auch zu einem aus­ge­sprochenen Lesevergnügen.

C.Brodkorb

Clemens Brodkorb hat seit 1991 bis 2000 mit Unterbrechungen am Campo Santo Teutonico gelebt, studiert und als Assistent von Erwin Gatz gearbeitet.

Die Bibliothek des Campo Santo Teutonico besitzt alle Bände unter der Signatur 230 E 59-63

Der fünfte Band der oben besprochenen Jesuitengeschichte enthält Jesuiten-Biogramme. Hier wäre zu ergänzen, dass sich ausführliche Darstellungen über die deutschen Jesuiten Beissel, Braun, Gietmann, von Hertling, Kirschbaum und Syndicus auch im Personenlexikon zur Christlichen Archäologie (Schnell und Steiner 2012) finden.