Leseempfehlung: Carola Jäggi, Ravenna

29. 12. 2013

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Die Züricher Professorin für frühchristliche und mittelalterliche Archäologie und Kunstgeschichte Carola Jäggi hat im Schnell und Steiner-Verlag Regensburg ihre neueste Veröffentlichung über "Ravenna - Kunst und Kultur einer spätantiken Residenzstadt" vorgelegt (hier zur Bestellung). Es wurde im Wesentlichen während eines Forschungsfreijahres verfasst, das die Autorin 2009-2010 in Rom an der Bibliotheca Hertziana verbracht hat (Richard Krautheimer-Gastprofessur). Während dieser Zeit hielt sie an der Hertziana einen fesselnden Vortrag über die "Fundsache Paulus oder: Archäologie als Medienereignis".

Der Klappentext verrät den Charakter des aufwendig gestalteten Buchs: Es handelt sich um ein Handbuch für Christliche Archäologen und Kunsthistoriker, das einen vollständigen Überblick über das frühchristliche Ravenna bietet. Der zweite Anspruch, ein Reisebegleiter vor Ort zu sein, erfordert angesichts der 1200 gr Gewicht eine gewisse Überzeugungsarbeit.

Nach den ebenso konzisen wie grundlegenden Einleitungskapiteln zur Überlieferungsgeschichte der Denkmäler, zu den Schriftquellen, zur Forschungsgeschichte und zur Stadttopographie folgen die zentralen Abschnitte in chronologischer Abfolge: über das christliche Ravenna bis 402, die weströmische Kaiserresidenz (402-455), die ostgotische Zeit (493-540) und die byzantinische Epoche (540-751). Entlang dieser Zeitfolge werden die prominentesten Bau- und Kunstdenkmäler der historischen Siedlungen Ravenna, Caesarea und Classe besprochen, wobei die ausgesprochen christlichen Denkmäler durchaus in den Rahmen der allgemeinen Stadtgeschichte hineingestellt werden. Es entsteht so ein trotz aller Lückenhaftigkeit der Quellenlage anschauliches und an Querbezügen reiches Bild der Geschichte einer Stadt. Die Autorin behält stets das Ganze im Blick und macht sich keiner Engführung oder Einseitigkeit schuldig, sondern behandelt in souveräner Ausgewogenheit Architektur, Epigraphik, Ikonographie, Topographie, Liturgie, Hagiographie u.a., um den Denkmälern ihren historischen, funktionalen und ideologischen Ort zu geben.

Das Buch ist, was die Aufarbeitung und Ordnung des Text- und Bildmaterials betrifft, akribisch durchkonzipiert. Die Abbildungen sind von hoher Qualität, perfekt ausgewählt, optimal ins Seitenlayout eingefügt und vom Text her gefordert bzw. auf den Fließtext bezogen (nur bei Abb. 10 müsste auf die Abb. 20 statt 19 verwiesen werden). Kaum eine Beschreibung eines Monuments bleibt der alleinigen Einbildungskraft des Lesers überlassen.

Das Buch ist fachlich makellos. Die gute Lesbarkeit kann nicht über den hohen Anspruch hinwegtäuschen. Die reife Leistung verbirgt sich zuweilen auch in dem, was nicht gesagt oder nur angeschnitten wird. Jäggi erspart dem Leser den Ballast überholter Forschungsdiskussionen und fachgelehrter Irrwege, so lehrreich diese für Spezialisten auch sein mögen. Die Erläuterungen sind schnörkellos und auf das Wesentliche bezogen. Der Fließtext lässt sich in wenigen Stunden gut bewältigen. Kurzexkurse etwa zur arianischen Liturgie oder zu aktuellen Diskussionen über einzelne Denkmäler (Ambo, Porphyrstatue u.a.) oder Kunstgruppen (Sarkophage u.a.) sowie die Bilderklärungen oder auch Textabschnitte aus dem Liber Pontificalis des Agnellus sind eine willkommene und stets lesenswerte Zugabe.

Insgesamt überzeugt Jäggis archäologische Stadtgeschichte durch die strikte Reduktion auf die frühchristliche Zeit, was dann auch bedeutet hat, die Verunstaltungen und archäologischen Defizite des 19.-20. Jahrhunderts zu benennen (261f. u.ö.) und weit häufiger, als es dem Leser lieb sein kann, einzugestehen, dass wir über den Gesamtzustand, die Auftraggeber, die ursprünglichen Bildmotive u.s.w. vieler Denkmäler wenig wissen. Nimmt man allein die hohe Zahl literarisch bekannter Monumente, über deren Lokalisierung und Verbleib bis heute nichts bekannt ist, so ist der Gesamteindruck zweifellos ernüchternd. Ravenna bleibt eine in weiten Teilen unbekannte Residenzstadt. Und wer nach der Lektüre vielleicht erstmals Ravenna betritt und die Kirchen und Denkmäler mit einem nun geschulten historischen Blick betrachtet, wird sich doch wundern, wie geschickt die heutige Präsentation die touristische Erwartungshaltung lenkt und dabei vielfach auch von der historischen Wahrheit ablenkt.

Das Opus lässt keinen Zweifel an der Kompetenz der Autorin aufkommen, die den Fragen des Lesers – so ging es zumindest dem Rezensenten – traumwandlerisch entgegenkommt, was eine große didaktische Erfahrung verrät. Das Werk eignet sich sowohl zur gediegenen Vorbereitung einer Studienreise als auch zur Nachbereitung und Vertiefung des vor Ort Gesehenen.

S.Heid