Keine Theologie ohne Bilder

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Peter Hofmanns neues Buch über "Bildtheologie"

Peter Hofmann, Ordinarius für Fundamentaltheologie an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Augsburg und Mitarbeiter des Buches Operation am lebenden Objekt: Roms Liturgiereformen von Trient bis zum Vaticanum II, hat ein bemerkenswertes Buch über Bildtheologie (Verlag Schöningh, 2016) vorgelegt, das gleichermaßen theologische, ökumenische und liturgische Durchsichten liefert und mit seinem paradigmatischen Bezug auf das "wahre Christusbild" der Veronika nach Rom weist. Der Titel "Bildtheologie" soll signalisieren, dass nach Meinung des Autors Christusbilder eine theologische Qualität und Dignität beanspruchen dürfen. Er stellt sie sogar in die Nähe der klassischen theologischen Erkenntnisquellen (loci theologici) und sieht seine Aufgabe darin, gerade dies fundamentaltheologisch aufzuweisen.

Manche werden einwenden, die Bilderfrage solle man den Orthodoxen überlassen. Sie halten die Bilderehrung für ein konservatives, frömmlerisches Randthema, Luxus angesichts drängenderer fundamentaltheologischer Fragen wie das Verhältnis der christlichen Offenbarung zu Islam, Monotheismus und Toleranz. Mehr noch: Man sagt, um des religiösen Friedens mit Judentum und Islam willen müsse auch das Christentum endlich seinen Bildkult abschaffen. Tatsächlich nehmen neuerdings Bischöfe auf dem Tempelberg das Brustkreuz aus Höflichkeit gegenüber den Muslimen ab, und muslimische Schüler weigern sich in Museen zu gehen, wenn dort ein mittelalterliches Altarbild oder Kreuz hängen sollte. Die Christen drohen so ihre vertrauten Bilder unwiderruflich preiszugeben, und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als eine gigantische digitale Bilderflut hereinbricht und alle vorausgehenden Bildkontexte im Bruchteil von Sekunden zermalmt.

Diese Hinweise genügen, um die Notwendigkeit dieses widerspenstigen und hoffentlich bahnbrechenden Buches zu zeigen . Die Wichtigkeit des Themas musste jedem längst bewusst sein, der das epochale Buch des Kunsthistorikers Hans Belting über Bild und Kult kennt. Belting ist auch eine Inspirationsquelle für Hofmann, der angesichts der überwältigenden Tradition der europäischen sakralen Bildkunst und insbesondere des Phänomens der Achirópita die Augen aufmacht und fragt: Wie ist das theologisch zu fassen? Hofmann liefert zugegebenermaßen kein fertiges Buch, keinen universalen Entwurf. Der Untertitel lautet entsprechend "Position - Problem - Projekt". Er möchte einfach in der Theologie die rationalistische Kruste an dieser Stelle aufbrechen und Fragen stellen, die weiterführen. Aber es bleibt nicht bei Fragen, sondern die Trassen für eine künftige Wegführung werden gelegt.

Ausgangspunkt ist die theologische Tradition: Das bilderfreundliche Konzil Nizäa II (787) ist ökumenisch anerkannt und irreversibel. Aber anders als im Osten wurde es in der lateinischen Kirche kaum rezipiert. Erst in der liturgischen Bewegung des 20. Jahrhunderts fanden die Bilder erneute Aufmerksamkeit, und in diesem Kontext mahnte Joseph Ratzinger ausdrücklich die noch anstehende Rezeption des Nicaenum II an. So geht Hofmann, wohl als erster akademischer Fundamentaltheologe, grundlegend davon aus, dass die christliche Offenbarung keine reine Wortoffenbarung, sondern unabdingbar und untrennbar auch eine Bildoffenbarung ist: Neben der Logizität Christi steht die Ikonizität Christi. Diese Erkenntnis richtet sich gleichermaßen gegen eifernden reformatorischen Bildersturm wie gegen banalisierende katholische Bildpädagogik. Die rationalistische oder aufklärerisch-didaktische Verkürzung der Offenbarung auf das Wort ist nichts anderes als eine das Christusereignis halbierende Häresie, und umgekehrt: Die Bilderverehrung ist keine östliche Variante des Christentums, sondern eine Frage der Orthodoxie.

Dies erfordert es, das Bild zum integralen Teil und Thema der Theologie und Christologie zu machen oder, wie Hofmann sich ausdrückt: Der Weg darf nicht nur vom Bild zum Wort führen, sondern das Wort der Theologie muss auch zum Bild - zur eigenen Botschaft der Bilder, die nicht in Worte zu fassen ist - führen. Das Bild hat einen theologischen Mehrwert, den das Wort nicht liefert, der aber doch auch dem Wort der Schrift nicht fremd ist. Beide nämlich, Wort und Bild, funktionieren personal: Beide sind echte Gottespräsenz in der Welt, d.h. der Menschgewordene erreicht und berührt hier wirklich den hörenden und sehenden Menschen. Dabei unterliegt das Bild ähnlichen Kriterien wie das Wort der Schrift: Es gibt erstens eine durch die Tradition gegebene Kanonizität bzw. kirchliche Aufsicht: Nicht jedes Christusbild kommt in Betracht, wohl aber neben den byzantinischen Ikonen etwa das Veronikabild. Dabei steigt Hofmann nicht in die Diskussion um "echte" Christusbilder im Sinne der rationalistischen Authentizität ein. Und zweitens ist wie für die Schrift so auch für das Christusbild der Gesprächs- und Verstehensraum die Liturgie. Zwar kann eine Ikone auch einen agnostischen Betrachter im Museum anrühren, doch ist das Christusbild gerade kein Idol und Wunderstein: Ort der Christusbegegnung ist und bleibt der Glaube der Kirche.

Diese Bemerkungen bieten nur erste, knappe Eindrücke eines reichen, tiefgründigen Traktats. Hofmann reicht dem Leser gewiss keine leichte Kost; man muss sie geduldig durchkauen. Doch zieht man daraus Seite für Seite reichen Gewinn.

S.Heid