Die politische Seite des Dante Alighieri

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Der Dante vom Campo Santo Der Dante vom Campo Santo In der Regel kennt man Dantes "Göttliche Komödie", die ihm unsterblichen Dichterruhm gesichert hat. Dass Dante Alighieri (1265-1321) aber in seiner Heimatstadt Florenz auch in höchsten Ämtern politisch aktiv war, somit in das Rad der Geschichte seiner Heimatstadt eingegriffen und einen politischen Traktat verfasst hat, ist weniger bekannt. Dante war als Politiker erbitterter Gegner des mindestens genauso unerbittlichen Bonifaz VIII. und verlor in diesem Poker. Es folgte das Exil in Ravenna: Hier schrieb Dante die "Monarchia" über das Verhältnis von Staat und Kirche.

Pierluca Azzaro, Professor für Neuere und Neueste Europäische Geschichte an der Katholischen Universität Mailand, Hauptbearbeiter der deutschen Ratzinger-Werkausgabe und wissenschaftlicher Mitarbeiter des RIGG für die Benedikt-Bibliothek, hat den ersten Band einer auf zwei Bände angelegten Darstellung des politischen Denkens Dantes vorgelegt: Politik und Religion bei Dante (Verlag Herder, 2016). Der wenig danteske Titel und die langweilige Buchgestaltung sollten nicht abschrecken, da bei Erscheinen des 2. Bandes ein ansprechender Schuber für den Doppelband geliefert wird. Und was den Inhalt betrifft, so besticht der vorliegende Band durch die packende Art der Darstellung und intellektuelle Brillanz. Der Leser wird von der dichten, zugleich respektvollen Art Azzaros, das politische und geistige Ringen der Vergangenheit heute nach-zudenken, in den Bann gezogen.

Azzaro liefert eine umfassende Aufarbeitung der Literatur und eine abgerundete Darstellung Dantes als Politiker und politischer Denker. Im vorliegenden Band wird Dante im 1. Teil als Politiker seiner Zeit geschildert, im 2. Teil wird sein politisches Hauptschrift "Monarchia" behandelt und im 3. Teil werden die Interpreten der politischen Lehre Dantes im 20. Jahrhundert (bis 1989) vorgestellt. Der zweite Band soll dann die jüngsten Auslegungen eit 1989 aufgreifen und Azzaros eigene Deutung liefern.

Das erstrangige Verdienst des Unternehmens besteht in seiner Vermittlungsleistung. Der Autor richtet sich bewusst und sogar vorrangig an Deutsche, insofern es sich hier um keine Übersetzung aus dem Italienischen, sondern um eine Erstausgabe handelt. Der Autor siebt mit kritischem Blick die unendliche, vor allem italienische Dante-Forschung mit ihren oft wabernden Spekulationen aus, kommentiert und synthetisiert die Forschung, so dass sich dem Leser ein ausgereiftes Gesamtbild bietet. Dabei macht der Autor keinen Hehl daraus, dass er als Christ schreibt und als Christ den Christen Dante beurteilt.

Prof. Pierluca Azzaro Prof. Pierluca Azzaro Der 1. Teil ist geradezu eine kleine toskanische Kirchengeschichte. Dabei handelt es sich bei Dante um den Kampf von Florenz um Unabhängigkeit vom Kirchenstaat. Dante klagt dabei heftig das simonistische Papsttum an. Seine Feindbilder sind - zu recht oder unrecht - Nikolaus III. und Bonifaz VIII. Dante plädiert - auf den Spuren eines Franziskus und Pietro di Morrone (der "Engelpapst" Cölestin V.) - für eine Entweltlichung der Kirche. Der 2., kürzere Teil untersucht die Schrift "Monarchia". Es ist eine prophetische Schrift, die auf der Grundlage von Vernunft und Glaube die Prinzipien rechter Politik zwischen den Universalmächten Kaiser und Papst entwirft. Letztlich geht es hier um die Frage des Primats des Papstes über den Kaiser und die rechte Auslegung der vermeintlich historischen Konstantinischen Schenkung.

Der 3. Teil behandelt Dantes moderne Wirkungsgeschichte und die jüngsten Deutungen, die Dantes politische Vision im Zeitalter der Totalitarismen und später angesichts des vermeintlichen Endes der totalitären Ideologien 1945 und 1989 erhalten hat. Denker wie Benedetto Croce, Romano Guardini, Leo XIII., Francesco Ercole, Étienne Gilson, Paul VI., Augusto Del Noce u.a. kommen zu Wort. Dante hatte angesichts des historischen Aufstiegs des Römischen Reichs bis Kaiser Augustus behauptet, das Imperium sei nachweislich auch ohne die Kirche leistungsfähig, so dass die weltliche Autorität nicht von der kirchlichen abgeleitet werden könne (S. 130). Dante scheint ferner ein weltliches Paradies neben dem himmlischen Paradies zu versprechen (S. 138). Da stellt sich sofort die Frage, ob nicht Dante als der Ahnherr des modernen Säkularismus anzusehen (S. 136-142), damit aber auch für die Entchristlichung und die Katastrophen der Moderne zur Rechenschaft zu ziehen sei. Hierin liegt der Kern des Streites um den politischen Denker Dante, um seinen Missbrauch für säkulare Ideologien, seine notwendige Würdigung als christlichem Denker und die Rolle von Kirche und Glaube in der heutigen Kultur.

S.Heid